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Tausend Hügel, mediterrane Sonnenstunden und Weingenuss mit warmer Herzlichkeit – nein, unsere Reise führte uns nicht in die Toskana, sondern in den Kraichgau. Liebevoll „Klein-Italien“ genannt, bietet er Weingenießern das volle Programm aus feinen Tropfen, regionaler Top-Gastronomie und fesselnden Ausflugszielen für die ganze Familie. Nur so viel vorweg: Wir waren begeistert. 

Kraichgau: Versteckte Perle der deutschen Weinwelt

Der Kraichgau zählt zu den eher unbekannten Weinzielen Deutschlands. Was viele nicht wissen: Die badische Region muss sich keinen Deut hinter den Steilhängen der Mosel, den warmen Terrassen des Kaiserstuhls und der Pfälzer Weinstraße verstecken. Das Gebiet ist ein Schmelztiegel von badischer und württembergischer Winzerkunst, der abwechselnd von reichen Obstwiesen, idyllischen Bächen (wie dem namensgebenden Kraichbach) und sanft abfallenden Weinbergen übersät ist. Eine besondere Spezialität der Region, wenn auch flächenmäßig hinter Riesling und Spätburgunder, ist der Auxerrois: Als Spielart des Weißburgunders vereint er eine besondere Duftigkeit mit rassiger Frische und milder Säure. Auch das Weingut Menges bringt den milden, aromatischen Charakter der Sorte gelungen ins Glas – dazu später mehr. 

Rauenberg: Unsere Ankunft im Winzerhof

Als Übernachtungsort entscheiden wir uns für Rauenberg, ein pittoreskes 8.000-Einwohner-Städtchen 20 Kilometer südlich von Heidelberg. Sinsheim, das geographische Herz des Kraichgaus mit seinem berühmten Technikmuseum, befindet sich für geübte Wanderer ebenfalls in Fußnähe – rund 16 Kilometer ins Südostrichtung.

Aber erstmal einchecken. Wir kehren im Winzerhof ein: Das imposante Anwesen ist zugleich ein Vier-Sterne-Hotel und gehört der Familie Menges, deren gleichnamiges Weingut einen Kilometer die Straße herunter im selben Ort sitzt. Beide Betriebe sind über Rauenberg hinaus bekannte Instanzen im Kraichgau.

Schon beim ersten Eintreten wird deutlich, dass wir hier in keinem gewöhnlichen Gasthof schlafen werden. Die Atmosphäre ist gehoben, eine Fusion aus traditionellem Landhausstil und zeitgemäßer Einrichtung. Holz, wohin das Auge blickt – auf eine gewisse Art fühlt man sich geborgen. An der Rezeption erhalten wir einen überaus freundlichen Empfang und werden direkt auf das kulinarische Spektrum des Hauses hingewiesen – für viele Gäste das entscheidende Argument, den Winzerhof zu besuchen. Nicht nur das Abendrestaurant Winzerhof Stuben mit mehrgängigen Gourmetmenüs, sondern auch eine hauseigene Weinlounge und edle Schnäpse in „Alfreds Altem Brennhaus“ werden uns erwarten. Zudem stehen Wellnessangebote vom Dampfbad bis zur Massage bereit. 

Hotelzimmer in Wohnungsgröße

Es sind die vielen kleinen Details, die den festen Bund zwischen Winzerhof und der Weinwelt offenbaren. Die Nummer neben der Zimmertür prangt auf einer hölzernen Traube. Im Obstteller liegen Weintrauben. Und das Zimmer selbst?

Wir schlafen im geräumigen Doppelzimmer Komfort, dessen rund 45 Quadratmeter Wohnfläche eher einer Ferienwohnung gleichen – mit den Annehmlichkeiten eines gehobenen Hotels.

Die Einrichtung ist modern, das Licht elegant und gemütlich, das Zusammenspiel aus Deko, Pflanzen und Holzmöbeln auf subtile Weise luxuriös.

Mit Beistellbett die perfekte Raumgröße für eine Familie mit ein bis zwei Kindern. Daneben stehen noch kompaktere, aber nicht weniger schicke Zimmerkategorien vom Economy-Einzelzimmer bis Superior-Doppelzimmer bereit. Sogar ein Apartment mit Einbauküche kann gebucht werden. 

Heimatgenuss mit mediterranem Einfluss 

Allzu lange möchten wir uns dennoch nicht hier aufhalten – die Neugier auf das Abendmenü in den Winzerhof Stuben ist zu groß. Unser Glück: Es ist sonnig und wir können im Gartenrestaurant, der Kastanienlaube, speisen.

Unter einer aufwendigen Dachkonstruktion, die das Feeling eines großen Wintergartens erzeugt, und auf bequemen Sesseln bekommen wir die Karte gereicht.

Man wählt zwischen à la carte Gerichten und drei- oder viergängigen Menüs, allesamt unter einem klaren Motto: Heimatgenuss. Aber auch mediterrane Gerichte sind prominent vertreten.

Zur Vorspeise bestellen wir ein Carpaccio vom Charolais-Rinderfilet, dessen Garnitur mit Tomatenchutney eine lebendige, kreative Note in den Klassiker bringt. Auch das Scampi-Tatar mit Acocadocreme und Hummer-Mayonnaise zeigt: Die Küche unter Restaurantleiter Ingo Reitz beherrscht die moderne, internationale Küche.

Bewusst traditionell geht es bei den Hauptgerichten zu. Vom argentinischen Rinder-Filet mit Spätzle bis zum geschmorten Kalbsbäckchen in Spätburgundersauce herrscht im Winzerhof ein Niveau, das aus der Vielzahl regionaler Gasthöfe im Kraichgau hervorsticht. Wir sind rundum glücklich – und satt.

Zum Dessert runden ein Café Gourmand (drei hauseigene Pâtisserie-Spezialitäten und ein Espresso) sowie eine fruchtige Eis- und Sorbet-Kollektion unseren Abend ab.

Weinlounge und Schnapsbrennerei

Ein besonderes Highlight des Winzerhofs ist die hauseigene Weinlounge – auch für Nicht-Hotelgäste eine lohnenswerte Destination im Kraichgau.

18 Weine von Weingut Menges sowie befreundeten deutschen und internationalen Winzern stehen zur Wahl und können glasweise aus einem Dispenser gezapft werden; bezahlt wird mit einer Chipkarte. Das ursprünglich amerikanische, in Deutschland jedoch zunehmend anzutreffende Konzept (z.B. in der RheinWeltWelt Rüdesheim) ist ungezwungen, flexibel und macht in der wohnlichen, familiären Atmosphäre der Weinlounge umso mehr Spaß. Wir probieren uns durch die ganze Weinwelt – vom hauseigenen Silvaner bis hin zu Amarone della Valpolicella, Bordeaux und südafrikanischem Chenin Blanc. Wow! 

Nicht aus dem Automaten, sondern von Menschenhand serviert werden die Getränke in einer anderen Lounge des Winzerhofs: „Alfreds altes Brennhaus“ schenkt in urigem Ambiente hausgemachte Brände aus, die den perfekten Abschluss unseres Abends einleiten.

Weingut Menges: Rebsorten-Vielfalt auf 6,5 Hektar

Am nächsten Tag besuchen wir nach einem üppigen Frühstück das zugehörige Weingut Menges – einen echten Familienbetrieb. 1988 übernimmt ihn Edwin Menges von seinem Vater und führt ihn bis zur Übergabe an seinen Sohn Sebastian im Jahr 2019. Noch vor dem jüngsten Generationenwechsel, im Jahr 2017, erlangt das Weingut ein Bio-Zertifikat. Auf dem Gelände des Weingutes befindet sich der Gutshof Menges mit dem Restaurant „Weinstube“ und einem Weinverkauf von Montag bis Freitag (nachmittags). 

Uns überrascht die Vielfalt der kultivierten Rebsorten: Trotz einer recht beschaulichen Rebfläche von 6,5 Hektar werden neben sechs Burgundersorten (Auxerrois, Chardonnay, Grauburgunder, Weißburgunder, Spätburgunder und Saint Laurent) noch Riesling, Sauvignon Blanc und Blaufränkisch angepflanzt – das gemäßigt-mediterrane Klima des Kraichgaus schmeichelt anscheinend sämtlichen Varietäten. Natürlich interessieren wir uns für die Regionalspezialität Auxerrois – Menges gelingt die Balance aus milder Säure und intensiver Frucht wunderbar. 

Auch die übrigen Sorten überzeugen uns. Ein echter Favorit: Die 2018er Cuvée Edvin, die wir schon gestern in der Weinlounge probieren durften. Der Mix aus Blaufränkisch, Spätburgunder und Cabernet Mitos liefert dunkle Frucht im Übermaß und ist der ultimative Beweis, warum die badische Region gerne mit der Toskana verglichen wird. Dass Menges keine überregionale Bekanntheit wie beispielsweise das VDP-Weingut Seeger im nahegelegenen Leimen besitzt, schlägt sich in den Preisen nieder: Viele Weine der Familie liegen unter zehn Euro und sind aus Perspektive des Preis-Genuss-Verhältnisses echte Perlen der badischen Weinwelt. 

Weinerlebnisse: Unsere Favoriten im Kraichgau

Fernab von Rauenberg und dem Weingut Menges entdecken Weintouristen im Kraichgau eine enorme Fülle vinophiler Erlebnisse. Das Highlight für jeden ohne Höhenangst ist die Ballonfahrt der Kellerei Lembergerland: Als schwebende Weinprobe paart sie erlesene Tropfen mit einer unschlagbaren Aussicht über das Land der tausend Hügel. Im wahrsten Sinne des Wortes bodenständiger (und außerdem ziemlich romantisch) ist das Weinpicknick-Angebot des Weingutes Weiberle. Hier bekommt man einen reich gefüllten Picknickkorb an einen zuvor vereinbarten Ort unter freiem Himmel geliefert und kann die grüne Natur in ihrer vollen Pracht genießen. Wer besonders viel vom Kraichgau sehen will, ist auch mit der „Grenzgänger Bustour“ (Weingut Lutz) quer durch die Weinberge gut beraten.

Zudem wimmelt es in der Region von weinbezogenen Events: Die wortwörtlich „schräge“ Weinnacht im Juli in den Felsenhängen Hessigheims, der Weinwandertag im August und das Herbstweinfest am 3. Oktober reihen sich in einen Kalender voller weiterer Veranstaltungen wie etwa den geselligen Pop-Up Events mitten im Weinberg. Fakt ist: Langweilig wird es rund ums Neckartal nie. 

Freizeit im Kraichgau: Action oder Entspannung?  

Wein ist jedoch nicht der einzige Grund, um dem Kraichgau einen Besuch abzustatten. Wer einen Kurzurlaub mit Rundum-Sorglos-Paket wünscht und eine Vorstellung der Freizeitmöglichkeiten gewinnen möchte, kann sich die verschiedenen Arrangements des Winzerhofs ansehen. Die Optionen könnten unterschiedlicher nicht sein: Von vier Nächten „ab in den Sattel“ mit dem E-Bike bis zur Verwöhnung in der Thermen- und Badewelt Sinsheim ist alles möglich. Auch eine Städtetour durch Heidelberg inklusive Bergbahn- und Schlossticket ist extrem sehenswert. Wir finden aber, dass Arrangements für das Entdecken der Region nicht zwingend erforderlich sind – die Organisation auf eigene Faust kann genauso schön sein. Folgende Highlights sind besonders interessant: 

  • Technik Museum Sinsheim: Bereits am Horizont während der Anfahrt sieht man die stolzen Ausstellungsstücke des Museums. Neben einer voll begehbaren Concorde, dem einzigen Exemplar der Überschall-Ikone auf deutschem Boden, und dem russischen Gegenstück von Tupolew, sind die Ausstellungswelten nahezu endlos. Militärflugzeuge, Panzer, Oldtimer und moderne Sportwagenlegenden erwarten Technikbegeisterte aller Altersgruppen. 
  • Erlebnispark Tripsdrill: Entspannung in den Weinbergen kann traumhaft sein – aber an manchen Tagen ist Action eben doch besser. Der Erlebnispark Tripsdrill garantiert mit über 100 Fahrgeschäften und Attraktionen spannende Stunden für Groß und Klein, während der integrierte Tierpark Gelegenheit zum Durchschnaufen schafft. Bei mehrtägigen Familienausflügen ein absolutes Muss in der Region! 
  • Barockschloss Bruchsal: Wahrlich royales Feeling in aufwendigen Prunkräumen erlebt man in der ehemaligen Residenz der Speyerer Fürstbischöfe. Die originalen Kunstwerke des 18. Jahrhunderts haben die Zeit überlebt und erzeugen eine derartig authentische Atmosphäre, dass man sich fast wie auf einer Zeitreise fühlt. 

Fazit

Auf unserer Reise in den Kraichgau haben wir die zunächst unscheinbare, aber auf den zweiten Blick extrem abwechslungsreiche Weinregion in unser Herz geschlossen. Wer einen Kurzurlaub in den Weinbergen mit kulinarischen Vorzügen plant, ist im Winzerhof bestens aufgehoben – eine klare Weiterempfehlung unsererseits. Auch die Weine der Familie Menges sind echte Volltreffer. Vergessen Sie aber nicht, über Rauenberg hinaus die regionalen Besonderheiten zu erkunden – ob mit dem Fahrrad, bei den Winzern der Umgebung oder auf einem relaxten Wellness-Trip.

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