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Von Engelsstaub bis Rosengold – kreative Namen sind nur eines der Markenzeichen, mit dem das Hofgut Nägelsförst aus der deutschen Weinlandschaft hervorsticht. Erst 2023 wurde das familiengeführte Erlebnisgut von VINUM unter den „Unique Wineries of the World“ gelistet. Wir haben das idyllisch gelegene Weingut besucht und berichten von unseren Impressionen.  

Zwischen zwei Welten

Gut acht Kilometer Fahrtstrecke von Baden-Baden entfernt, liegt Nägelsförst an der Grenze zwischen zwei Welten: Den Tiefen des Schwarzwaldes auf der östlichen Seite und einem Meer von Weinreben in Westrichtung. Vielleicht noch stärker spürt man als Besucher die chronologischen Kontraste: Trotz des Innovationsgeistes, den die Familie Schischek seit der Übernahme des Weingutes im Jahr 2016 vorantreibt, liegt ein Gefühl von großer Tradition in der Luft. Bereits im Jahr 1268 pflanzten Zisterzienserinnen hier die ersten Reben auf Weinbergen, die heute als hochklassige Lagen eingestuft sind und den Stolz des Betriebs repräsentieren. Neben klassisch-deutschen Rebsorten wachsen bei Nägelsförst sogar Exoten wie Tempranillo oder Auxerrois. 

Eine weiße Tür im Freien steht sinnbildlich für den gesamten Geist des Weingutes. Scheinbar führt sie ins Leere, könnte aber auch das Tor in eine andere Zeit sein. Auf dem Hof erleben wir beide Seiten der Medaille: Traditionelle Winzerkunst, wie sie schon im Mittelalter von den hiesigen Ordensschwestern praktiziert wurde, und der Flair eines modernen Erlebnisortes mit Weinproben und geselligen Events. 

Auszeit vom Alltag

Die Fahrt zum Weingut führt uns durch die malerische Weinlandschaft Badens. Mit jedem Kilometer, den wir uns vom Samstagstrubel Baden-Badens entfernen, lenkt der Weg entlang tausender Rebstöcke vor allem in eine Richtung: Raus aus dem Alltag. Die alleinstehende, herrschaftlich über der Gegend thronende Lage von Nägelsförst lässt Lärm und Straßenverkehr schnell vergessen. Bis ins Elsass reicht die Aussicht.

Kulinarisch erstreckt der Einfluss der französischen Region über die Grenze hinweg. Im Straussie, der bodenständigen Straußenwirtschaft von Nägelsförst, stärken wir uns mit frisch belegtem Flammkuchen und probieren das erste Glas Wein. Steinwurf heißt der gute Tropfen. Kräftig, trocken und mit exotischen Noten – ein badischer Riesling par excellence. Nur der Anfang dessen, was uns heute noch erwarten wird. 

Weinproben sind bei Nägelsförst perfekt organisiert. Zwischen 25 und 45 Euro, abhängig vom Level der Weine, kostet eine 90-minütige Probe. Der große Vorteil: Im Gegensatz zu manch anderem Weingut, wo zwar Flaschen geöffnet werden, jedoch ein gewisser Erwartungsdruck bezüglich anschließender Käufe besteht, kann hier jeder Besucher ganz unverbindlich probieren. Wir entscheiden uns für die „Feine Verführer“-Weinprobe, die einen Crémant und fünf Ortsweine umfasst.

Erstaunliche Weinvielfalt

Von Pinot Noir bis Chardonnay begeistern uns die Weine mit ihrer Ausdrucksstärke und liefern einen Hinweis, warum Nägelsförst 2018 vom „selection“-Magazin als „Bestes Weingut Baden“ prämiert wurde. Neben der Qualität verblüfft uns vor allem die Vielfalt, die auf den 33 Hektar Rebfläche des Gutes kultiviert wird. 

Wir betreten die hofeigene Vinothek. Schon der erste Blick auf die Flaschenvielfalt zeigt, warum Nägelsförst kein gewöhnliches Weingut ist: Was anderswo schlichtweg „Pinot Noir“ heißt, trägt hier Bezeichnungen wie „Herz Dame“, „Talblick“ oder „Morgenvogel“. Die Namen sind geschützte Begriffe und werden im Teamwork der Familie Schischek geboren. Aber nicht nur das Branding, sondern auch der Inhalt hat viel zu bieten: Neben Traditionalisten, die sich über regionale Klassiker wie Riesling oder die Burgundersorten freuen, kommen auch Experimentierfreudige auf ihre Kosten. Schonmal einen Tempranillo aus Baden probiert? Selbst Merlot und Cabernet Sauvignon befinden sich im Programm. Der Spagat ist bemerkenswert: Von mediterranen Rotweinen bis zum kühlen Crémant, selbstverständlich vom benachbarten Elsass inspiriert, fliegt uns Nägelsförst gefühlt einmal um den gesamten Weinglobus. Im modernen Ambiente der Vinothek probieren wir entspannt einige Highlights des Portfolios. 

Hauseigene Qualitätspyramide

Dass die Schischeks auf ihrem Weingut gerne ihr eigenes Ding machen, zeigt die Unabhängigkeit des Erzeugers – eine VDP-Mitgliedschaft ist weder vorliegend noch in baldiger Zukunft geplant. Die Bezeichnungen der hauseigenen Klassifikation kommen uns dennoch vertraut vor: 

  • Gutswein: Die „Weine für jeden Tag“ werden aus verschiedenen Terroirs zusammengesetzt mit dem Ziel, gefällige Tropfen für den eher unkomplizierten Genuss zu kreieren. 
  • Ortswein: Ertragsreduktion, eine längere Lagerung auf der Feinhefe und selektierte Lagen mit gebietstypischen Sorten prägen die Ortsweine von Nägelsförst. 
  • Lagenwein: Die prestigeträchtigsten Weinberge des Gutes, unter ihnen der Klosterbergfelsen und der Bühlertal Engelsfelsen, bilden den höchsten Qualitätsstandard des Hauses. Ein hohes Reifepotenzial und ein ausgeprägter Lagencharakter sind zentrale Merkmale der Aushängeschilder.

An der Spitze der Hierarchie stehen die sogenannten Raritäten: Riesling als Eiswein und Auslese sowie ein absoluter Exot – eine rote Frühburgunder-Beerenauslese – formen als Dessertweine die süße Elite des Sortiments. 

Ausdrucksstark auf ganzer Linie

Was uns am Portfolio von Nägelsförst neben seiner überraschenden Varietät am meisten erstaunt, ist seine makellose Gefälligkeit. Jeder probierte Wein, vom bodenständigen Riesling „Bergliebe“ bis zum majestätischen „Steilflug“, eröffnet in seiner Klasse ein exzellentes Preis-Genuss-Verhältnis. Apropos Preis: Die Familie Schischek verkauft ihre Winzerkunst zu fairen Konditionen – während die Gutsweine ungefähr 10 Euro kosten, übersteigen die Top-Lagenweine selten 25 Euro. Sogar der alkoholfreie Sekt, den wir mit zugegeben niedrigen Erwartungen an unsere Lippen führen, eröffnet keine Grundlage für Kritik. Eine solche Vielfalt in konsistent hoher Qualität ist in der deutschen Weinwelt keine Selbstverständlichkeit. 

Wer ein paar Flaschen des Sortiments kaufen möchte, wird bei Nägelsförst an sieben Tagen pro Woche herzlich empfangen und dazu eingeladen, von Riesling bis zur roten Cuvée alles ausgiebig zu probieren. 

Unsere Lieblingsflaschen 

Bei unserem Besuch kommen wir schnell mit Gleichgesinnten ins Gespräch. Ein älteres Ehepaar – er Weißweintrinker, sie Rotweinliebhaberin – erzählt uns, das Hofgut im Sommer fast jedes Wochenende zu besuchen – nicht zuletzt wegen des grandiosen Flammkuchens. Was den Wein betrifft, hat gefühlt jeder Gast andere Vorlieben. Vor allem die innovativen Kreationen der Winzerfamilie kommen gut an. Uns hat es die rote Cuvée „Qvinum“ aus dem Holzfass angetan, die zwar nicht perfekt zur Außentemperatur von 29 Grad passt, in ihrer Power und Intensität aber keinen Zentimeter hinter den roten Fruchtbomben der Neuen Welt steht. Folgende Weine aus unserer Probe empfehlen wir Neugierigen besonders:

  • Pinot Noir Engelsstaub 2019: Die große Rotweinsorte aus dem Burgund wird im Bühlertaler Engelsfelsen seit 1344 kultiviert – deutlich länger als jede andere Rebe. Der Engelsstaub zählt als Lagenwein zu den besten Tropfen des Weingutes und überzeugt mit einer typischen Burgundernase, kühler Mineralik und einem langen Abgang. 
  • Riesling Mauerheld 2019: Mit sieben Hektar besitzt Riesling von allen Rebsorten des Gutes die höchste Fläche, welche dennoch überschaubar ist. Das Motto „Klasse statt Masse“ bringt der steintrockene Mauerheld mit intensiver Mineralik und hoher Komplexität ins Glas – müsste bis zur Perfektion aber noch einige Jahre reifen. 
  • Frühburgunder Beerenauslese Sonnenberg 2016: Wow! Als böte die Seltenheit der Rebsorte nicht schon genügend Exotik, wurde sie von der inzwischen ausgetretenen Kellermeisterin Annette Bähr in ein flüssiges Dessert der Extraklasse verwandelt. Mokka, rote Beeren und würzige Noten – am liebsten hätten wir dazu ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte genossen.

Weitere Weine vom Weingut Nägelsförst

Das Erlebnisweingut Nägelsförst

Das Straussie und die breite Weinauswahl in der Vinothek allein würden wohl nicht ausreichen, um Nägelsförst als „Erlebnisweingut“ zu bezeichnen. Von anderen Gütern hebt sich der badische Hof vor allem durch seine großartige Eignung als Veranstaltungsort ab: Private Feiern und Firmenveranstaltungen erhalten in der Atmosphäre von Nägelsförst den besonderen (und vinophilen) Touch. Im Eventkalender sticht vor allem das Festival „Beats and Wine“ hervor, wo die Tradition des Weinbaus in den Kontext einer ausgelassenen Party für junge und junggebliebene Genießer gesetzt wird. Wein als Getränk für ältere Herrschaften? Nicht hier. Ein weiterer Beweis, wie gut Nägelsförst der Spagat aus Vergangenheit und Gegenwart gelingt. 

Vielfach prämiert

Seit dem Erwerb des Weinguts durch die Familie Schischek im Jahr 2016 erlebt Nägelsförst einen steilen Aufstieg zu überregionaler Bekanntheit. Ein Stolz, den man spürt: In der Vinothek treffen wir auf mehrere Urkunden, die unter anderem den „Trinkstorch“ als „Besten Rosé Baden 2022“ auszeichnen und eine der besonderen Kreationen des Hauses, den „Früher Vogel“ Tempranillo, hervorheben. Einen Boost erhält der Name Nägelsförst mit der Februarausgabe des „Vinum“-Magazins 2023, die das Weingut in einem ausführlichen Artikels unter den „Unique Wineries of the World“ listet. Einzigartig ist in jedem Fall das Branding; kreative und geschützte Eigennamen sind in der deutschen Weinlandschaft eine absolute Ausnahme. Auch Meininger, Falstaff und Mundus Vini ehrten das Gut innerhalb der letzten drei Jahre mehrfach. 

Besucherinformationen

Die Vinothek des Weingutes Nägelsförst hat täglich geöffnet. Derzeit gelten folgende Öffnungszeiten: 

Montag bis Freitag: 10:30 Uhr – 18:00 Uhr

Samstag: 10:00 Uhr – 16:00 Uhr

Sonntag: 12:00 Uhr – 16:00 Uhr

Besonders empfehlen können wir einen Besuch im Straussie. In der Sommerzeit typischerweise von 16:00 Uhr bis 22:00 Uhr (Mo-Sa) mit Außenbereich (bei schlechtem Wetter innerhalb der Weingutsräume) geöffnet, bietet das Lokal eine Vielzahl abwechselnder Thementage, die Wein und Flammkuchen zu herzhaften Menüs kombinieren. Auch sonntags sind Besuche möglich. 

Andere Top-Weingüter in der Region

Nägelsförst liegt im Bereich Ortenau, einem der neun verschiedenen Regionen des Weingebietes Baden. Als südlichste Riesling-Region Deutschlands bekannt, die ihre Leitsorte traditionell „Klingelberger“ nennt und außerdem herausragende Burgunderweine (vor allem Spätburgunder) produziert, beheimatet der Bereich Ortenau eine Vielzahl renommierter Weingüter. Neben Nägelsförst sollten Sie allen voran Alexander Laible und das Weingut Kopp kennenlernen. Sehr empfehlenswert ist zudem ein Besuch der Stadt Baden-Baden, wo Top-Gastronomie mit regionalem Touch und eine erstklassige Weinkultur tief verankert sind. Entertainment bieten vom lokalen Casino bis zum Festspielhaus vielzählige Adressen und das Brenners Park-Hotel & Spa zählt zu den besten Hotels Deutschlands. 

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